Universelles Lernmaterial

Warum Lernmaterial nicht gestaltet sondern strukturiert sein sollte – und warum die Entscheidung zwischen "analog" und "digital" nicht mehr zeitgemäß ist

Lerninhalte werden bis dato entweder für die analoge oder für die digitale Nutzung entwickelt. Der Wechsel zwischen diesen beiden Formaten führt zu Mehrarbeit, wodurch die inhaltliche Arbeit und Individualisierung oft zu kurz kommt.

Stell Dir stattdessen mal Folgendes vor:

  • Du erstellt deine Materialien einmalig mittels einer Software, die auf Lerninhalte ausgerichtet ist.

  • Das Lernmaterial wird automatisch z. B. für Papier, Smartphone, Tablet optimiert.

  • Lernende können die für sie optimale Darstellung der Inhalte für sich selbst einstellen.

Um das zu ermöglichen, benötigen wir „universelles Lernmaterial“, dessen Repräsentation sich automatisch in Abhängigkeit von den folgenden Faktoren ableitet:

  1. Funktion

  2. Medium

  3. Lerner:in

(Repräsentation meint dabei auf welche "Art und Weise Medien – wie Audio, Grafik und Video sowie Programmcode – durch Daten repräsentiert werden").

Wie das am Ende aussehen könnte, lässt sich in meinem Prototyp ausprobieren (am besten mit Chrome an einem großen Bildschirm... zugegeben: Das ist jetzt ausnahmsweise nicht sehr universell 😒) oder in nachstehendem Demo-Video anschauen.

Was bedeutet Repräsentation von Lernmaterial in Abhängigkeit von Funktion?

Der Faktor „Funktion“

Konventionelle Lernmaterialien

Sicherlich arbeitest Du auch mit einem „Generalisten“ wie Microsoft Word/PowerPoint oder einem entsprechenden Pendant von Apple oder LibreOffice. Mit diesen sogenannten WYSIWIG-Editoren („What you see is what you get“) lässt sich so ziemlich alles erstellen, was visuell repräsentierbar ist.

Abb. 1: Ausschnitt aus Arbeitsblatt

Nehmen wir den hier abgebildeten Ausschnitt aus einem Arbeitsblatt und stellen uns die Erstellung der Aufgabe in solch einem WYSIWIG-Editor vor:

  1. Kreis einfügen → Zahl einfügen → Kreis formatieren

  2. Textfeld einfügen → Text einfügen → Text formatieren

  3. Kreis und Textfeld auf eine Höhe bringen

Am Ende sehen wir etwas, das aussieht wie eine Aufgabe – weil wir uns daran gewöhnt haben, dass Aufgaben so oder ähnlich auszusehen haben.

Um diese Repräsentation zu erreichen wurden Kreise und Kästchen eingefügt und formatiert. Je nach Zeit und gestalterischer Erfahrung wurden dann vielleicht auch noch Grundprinzipien didaktischen Designs berücksichtigt, z. B. maximale Zeilenlänge, ideale Schriftgröße, geeignete und unterschiedliche Schriftarten für Aufgaben und inhaltstragende Texte...

Universelle Lernmaterialien

...und bei so vielen Formatierungsmöglichkeiten kann man das ursprüngliche Ziel zwischendurch mal aus den Augen verlieren: Nämlich eine nummerierte Aufgabe mit Text zu erstellen. Beim Erstellen des Lernmaterials in meinem WYSIWYW-Prototyp („What you see is what you want“) durchlief ich stattdessen folgende Schritte:

  1. Neuen Abschnitt ( = Container) erstellen und als Aufgabe ( = Exercise) markieren

  2. Text einfügen und als Arbeitsanweisung ( = Task) markieren

Abb. 2: Technischer Ablauf: 1. Eingabe, 2. Speicherung, 3. Ausgabe

Technisch passiert dabei Folgendes:

  1. Ich gebe Daten in System A ein.

  2. Die Daten werden strukturiert abgespeichert.

  3. Die strukturierten Daten werden von System B interpretiert.

System B weiß nicht, dass das System A den Inhalt erstellt hat. Einzig relevant ist der Inhalt in strukturierter Form als gemeinsame Sprache. (Wie diese Sprache für das gesamte Arbeitsblatt aussieht, siehst du im Prototyp, wenn du die Code-Darstellung wählst.)

Welchen Einfluss hat das Zielmedium auf die Repräsentation von Inhalten?

Der Faktor „Medium“

Konventionelle Lernmaterialien

Im Gegensatz zu den "Generalisten" bieten Canvas-basierte "Spezialisten" (Tutory, Worksheet Crafter) und moderne E-Learning-Anwendungen häufig „Lernbausteine“, die sich miteinander kombinieren lassen. Tatsächlich verfolgen sie damit tendenziell den oben beschriebenen „funktionalen“ Ansatz.

Aber: Ein für den Druck vorgesehenes Arbeitsblatt lässt sich nicht automatisch in ein bearbeitbares E-Learning-Modul umwandeln, ein Schulbuch kann nicht einfach kurzerhand in eine App umgewandelt werden. Umgekehrt können interaktive Aufgaben einer Website oder Lern-App nicht schnell für den eigenen Unterricht angepasst und ausgedruckt werden.

Während also Computer inzwischen Texte verfassen können, die wir nicht mehr als Computer-geschrieben erkennen, müssen wir händisch per Copy-and-Paste Inhalte von A nach B übertragen (proprietären Dateiformaten und systemimmanenten Datenbankstrukturen sei Dank). 😳

Universelle Lernmaterialien

Universelle Lernmaterialien stellen die Struktur der Daten in den Fokus, nicht deren Darstellung. Das bedeutet im Umkehrschluss: Sowohl die Programme zur Erstellung als auch zur Repräsentation der Lernmaterialien können unabhängig voneinander sein, sprechen aber dieselbe Sprache.

Stellen wir uns folgendes Szenario vor:

  • 📄 Schül:erin A bevorzugt ein ausgedrucktes Arbeitsblatt

  • 💻 Schüler:in B lernt am liebsten auf einem Laptop mit dem Browser

  • 📱 Schüler:in C bevorzugt die Nutzung per Sprachassistent:in auf dem Smartphone

  • ⡺⢡ Schüler:in D nutzt eine Braillezeile am Computer

Abb. 3: Darstellung des Lernmaterials auf (1) Smartphone, (2) Tablet und (3) Papier

Universelle Lernmaterialien können das ohne Mehraufwand für die Lehrkraft ermöglichen. Klingt nach Zukunftsmusik? Die Zauberworte heißen „Programmierschnittstelle“ und erneut „strukturierte Daten“. Schon jetzt werden Inhalte z. B. von Twitter auf die unterschiedlichsten Geräte gebracht und je nach Endgerät unterschiedlich interpretiert, wodurch sowohl wir alle z. B. am Smartphone, aber auch ein Smart Speaker wie Amazons Alexa die neuesten Trump’schen Hirn-Flatulenzen vorlesen können.

Den Wechsel zwischen analoger und digitaler Darstellung habe ich in meinem Prototyp exemplarisch umgesetzt: Das Vimeo-Video wird in der Druckansicht durch einen automatisch generierten QR-Code und das Vorschaubild ersetzt. (Hierfür wird übrigens live auf die Vimeo-Schnittstelle zugegriffen.) Einen Chatbot habe ich (noch) nicht angebunden, aber möglich wäre es: Die Daten liegen offen bereit. 🤖

Wie ist die Repräsentation in Abhängigkeit von de:r Lerner:in zu verstehen?

Der Faktor „Lerner:in“

Konventionelle Lernmaterialien

Das heutige Schulsystem ist (glücklicherweise!) geprägt von einer fortschreitenden Individualisierung. Der damit einhergehende hohe Anspruch an didaktische Gestaltung wird insbesondere im sonderpädagogischen Förderspektrum deutlich:

  • Während das eine Kind aufgrund seines eingeschränkten Visus (= Sehschärfe) eine sehr große Schrift benötigt, ist das andere Kind aufgrund seines kleinen Sichtfelds auf eine eher kleine Schrift angewiesen.

  • Während die einen Kinder durch nicht-inhaltstragende Bilder motiviert sein mögen, können andere Kinder etwa mit einer Austismus-Spektrum-Störung davon gänzlich abgelenkt sein.

Dieses Beispiel aufgreifend, müsste das Lernmaterial in analoger Form also idealerweise in den folgenden 4 Varianten vorliegen:

Abb. 4: Varianten von Arbeitsblättern: (1–3) unterschiedliche Schriftgrößen und (4) Ausblenden von Bildern

Mit konventionellen Lernmaterialien würden üblicherweise die Dokumente dupliziert und für jedes Kind einzeln optimiert werden (hoffend, dass man nicht nachträglich auf die Idee kommt, etwas am Inhalt und damit einzeln in allen Varianten ändern zu müssen). Das Erstellen jeder Individualisierung ist mit erheblichem Aufwand verbunden und betrifft spätestens in inklusiven Settings auch die Regelschulen, wie dieses Beispiel einer blinden Schülerin in einer Inklusionsklasse zeigt.

Universelle Lernmaterialien

In einem Interview hörte ich einmal den Satz: „Je mehr Einstellmöglichkeiten es gibt, desto barrierefreier wird ein System.“ Tatsächlich schaffen es inzwischen sogar Videospiele wie Last of Us 2, so viele Einstellungsmöglichkeiten anzubieten, dass blinde Spieler:innen zur Nutzung in der Lage sind (wer die Reaktion auf die Spiel-Einstellungen des blinden Game-Testers Steve Saylor noch nicht kennt – dringende Empfehlung).

Wenn ein Unternehmen es schafft, ein Video(!)-Spiel für blinde Spieler:innen so barrierefrei zu machen, obwohl diese mit Sicherheit nur einen Bruchteil der Kund:innen ausmachen, müsste es doch möglich sein, dass Lerninhalte im 21. Jahrhundert so repräsentiert werden, wie Lernende sie benötigen. 🤐

In meinen Prototyp habe ich ein paar solcher Einstellmöglichkeiten exemplarisch eingebaut:

  • Ändern der Schriftart (z. B. optimiert für Legasthenie)

  • Zoom-Funktion (auf ALLE Inhalte angewandt)

  • automatische Kontrasterhöhung und Umwandeln in Schwarz-Weiß (sogar für das Video)

  • Ausblenden dekorativer Bilder (bei Druck wird die Video-Vorschau ausgeblendet, der QR-Code bleibt)

Das sind nur einige der möglichen Funktionen, aber das Potenzial wird hoffentlich ersichtlich: Lernende müssten nur einmalig ihre Präferenzen definieren und ab diesem Zeitpunkt würden alle Inhalte automatisch so repräsentiert werden, wie sie diese benötigen – ohne dass die Lehrpersonen irgendetwas dafür machen muss.

(Wer sich für weitere Empfehlungen zu Barrierefreiheit interessiert, dem lege ich die Website meines ❤️-Hackathon-Teams von #WirFürSchule ans Herz.)

Wie steht es um die Realisierbarkeit?

Technisch sind bereits heute alle Voraussetzungen gegeben. Um nicht zu viel Zeit zu investieren, habe ich den Prototyp im CMS Statamic gebaut. Dessen Editor basiert teilweise auf dem TipTap-Editor (dieser wiederum basierend auf Prosemirror). (Hinweis: Die Entwickler aus Berlin arbeiten gerade an der zweiten Version, die sogar kollaboratives Zeichnen auf einer Zeichenfläche ermöglicht: Sie verdienen jeden Support). Die von TipTap erzeugten Daten können z. B. im JSON-Format problemlos auch von einer Smartphone-App oder einem Smart Speaker gelesen werden. In meinem Fall habe ich die Daten zur Darstellung als Website genutzt.

Die wirtschaftliche und politische Perspektive (Entwicklungen, Standards...) steht auf einem anderen Blatt... 💸

Und wie kann es jetzt damit weitergehen?

Hast du Ideen, Gedanken oder Kritik in Bezug auf das Konzept "Universelle Lernmaterialien"? Wenn ja: Schreib gerne einen Kommentar oder eine Mail an mariovhamann@gmail.com!

PS: Da es beim Lernen nicht nur um die Inhalte, sondern auch um Kommunikation geht, freue ich mich, ab 1. Januar 2021 bei Teech meinen Beitrag in diesem Bereich leisten zu können. 🦾

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